Donnerstag, 2. Juli 2020

Wenn der Job zum Psychotrip wird

Burnout, Depressionen & Co.: Zahl der Betroffenen steigt rasant


Foto: KKH Kaufmännische Krankenkasse


Ob Stress durch zu hohe Anforderungen, Überstunden, Pendeln, Mobbing oder auch Arbeitssucht: Der Job bringt immer mehr Menschen psychisch ans Limit. Das hat eine Auswertung unter berufstätigen Versicherten der KKH Kaufmännische Krankenkasse ergeben. Demnach stellten Ärzte 2018 bundesweit rund 320.000 Diagnosen aufgrund seelischer Leiden wie Angststörungen und Depressionen. Gegenüber 2008 bedeutet das einen Anstieg von durchschnittlich rund 40 Prozent. Den größten Leidensdruck im Job haben offenbar Berufstätige in Sachsen-Anhalt (plus 66 Prozent), den geringsten Anstieg registriert die KKH in Niedersachsen (plus 26 Prozent).

Der Job schlägt vor allem Frauen, aber zunehmend auch mehr Männern auf die Seele: Jede sechste Arbeitnehmerin erhielt 2018 die Diagnose Depression. Unter den männlichen Kollegen war es hingegen jeder 13. Auch von Angststörungen, Anpassungsstörungen (depressive Reaktionen aufgrund körperlicher und seelischer Belastungen) und somatoformen Störungen (körperliche Beschwerden, die keine organische Ursache haben) sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen. Allerdings ist bei allen Erkrankungen der Anstieg bei den Männern erheblich größer.

„In der Regel sind es meistens die Frauen, die sich neben dem Job um Kinder, Haushalt und zu pflegende Angehörige kümmern", nennt Jana Acker, KKH-Expertin für Psychologie und Stressreduktion einen der Gründe für den großen Frauenanteil bei psychischen Leiden. Eine andauernde Doppelbelastung könne krank machen. Bei Männern hingegen sind die Ursachen für Dauerstress häufig rein beruflicher Natur. „Viele Männer wollen in ihrem Job die Nummer eins sein beziehungsweise meinen, die Nummer eins sein zu müssen. Dieser Druck hat offenbar in den vergangenen Jahren zugenommen – insbesondere aufgrund der Digitalisierung und der damit verbundenen ständigen Erreichbarkeit“, erläutert die Expertin. So könne nicht nur Überbelastung, sondern auch selbst auferlegte Arbeitssucht zu einer Depression und weiteren psychischen Leiden führen. Der starke Anstieg sei darüber hinaus darauf zurückzuführen, dass seelische Erkrankungen bei Männern nicht mehr ein so großes Tabuthema sind wie noch vor etlichen Jahren und es deshalb auch mehr Diagnosen gebe.

Alarmierendes Erkennungszeichen einer Depression ist mitunter: völlige Erschöpfung. Aufstehen, Duschen, Kaffee kochen – all das, was sonst selbstverständlich zum Alltag gehört, wird immer mehr zur unüberwindbaren Kraftanstrengung. Wer einen Hausarzt hat, dem er vertraut, sollte das Thema so früh wie möglich ansprechen – am besten schon, wenn die ersten Symptome wie Schlafstörungen auftreten. „In einfacheren Fällen kann bereits ein Seminar oder ein Coach zum Thema Zeit- und Selbstmanagement helfen“, rät Jana Acker. Die KKH etwa bietet zertifizierte Online-Entspannungskurse an.

Sonntag, 14. Juni 2020

Wie sich die Gefahr ruinöser Konflikte in Unternehmerfamilien eindämmen lässt

Neuer Praxisleitfaden des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU) bietet Hilfestellungen für den Umgang mit Konfliktsituationen in Unternehmerfamilien



Link zur Bibliothek

Für Familienunternehmen stellen Konflikte im Eigentümerkreis – oder besser gesagt: in der „Familie des Familienunternehmens“ – oftmals die Hauptursache für den Eintritt existenzbedrohender Krisen dar. Die schädigende Wirkung ungebremster Familienkonflikte erfasst dabei gleich zwei soziale Systeme: das Familienunternehmen sowie die Unternehmerfamilie selbst. Die Beeinträchtigung der Überlebensfähigkeit des Familienunternehmens geht dabei Hand in Hand mit der verringerten Chance auf konstruktive Anschlusskommunikationen zwischen den Familienmitgliedern. Einmal in eine Konfliktkommunikation hineingeraten, fällt es Unternehmerfamilien ohne Zuhilfenahme externen Wissens ausgesprochen schwer, aus dieser wieder herauszukommen. Umso verwunderlicher erscheint es, dass dem Thema Konfliktprävention in Unternehmerfamilien bisher eine relativ geringe Bedeutung eingeräumt worden ist.



Vor diesem Hintergrund nimmt der neue WIFU-Praxisleitfaden das Thema „Konflikte in der Unternehmerfamilie“ gesondert in den Blick und widmet sich einer Reihe von Themenbereichen, die maßgeblich zum Verständnis der Thematik beitragen: den besonderen Herausforderungen und Konfliktlagen, denen sich Unternehmerfamilien typischerweise gegenübersehen sowie praktisch bewährten Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung auf unterschiedlichen Ebenen.

Die in dem Praxisleitfaden dargelegten Inhalte speisen sich aus den Erfahrungen, die die beiden Autoren in über 15 Jahren in einer Vielzahl von Forschungsprojekten, Konfliktmoderationen und familienstrategischen Beratungsprojekten sammeln konnten. Die wesentlichen Erkenntnisse aus diesem Erfahrungsschatz werden mit dem neuen Leitfaden nun der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

„Viele Unternehmerfamilien, die Konflikte erleben, fragen sich: ‚Warum gerade wir?‘“, so Prof. Dr. Arist von Schlippe, Co-Autor des Leitfadens. „Die Antwort darauf ist einfach: Konflikte sind der zu erwartende Normalfall, wenn Familienlogik und Unternehmenslogik aufeinanderstoßen. Wir fragen daher eher, wie es gelingen kann, den Eskalationsfallen zu entgehen, die sich hier so vielfältig ergeben können. Der Leitfaden hilft, diese etwas besser zu verstehen“. Neben der Analyse typischer Konfliktdynamiken beinhaltet der Leitfaden Ansätze zur Konfliktprävention. „Oftmals treffen Konflikte die Unternehmerfamilie völlig unvorbereitet“, sagt Prof. Dr. Tom Rüsen, ebenfalls Co-Autor. „Wir hoffen, die dargestellten Ansätze zur Konfliktprävention helfen bei der Installation entsprechender Regelwerke“.

Alle WIFU-Praxisleitfäden stehen Ihnen auf der Homepage des WIFU (www.wifu.de/bibliothek) kostenlos zur Verfügung.

Dienstag, 19. Mai 2020

Seit Corona-Ausbruch: Online-Dienste gefragt wie nie

  • Jeder fünfte Internetnutzer hat erstmals Online-Sportkurse besucht,
    7 Prozent machen erstmals Online-Dating
  • Mehr als die Hälfte nutzt seitdem häufiger Musikstreaming-Dienste


Von digitaler Weiterbildung bis zu virtuellem Work-out: Aufgrund der Corona-Pandemie entdecken viele Menschen die Online-Welt für sich. Seit dem Ausbruch des Coronavirus hat mehr als ein Viertel der Internetnutzer (26 Prozent) erstmals Online-Lernvideos geschaut, etwa auf YouTube oder Vimeo. Gut jeder Fünfte (22 Prozent) hat seitdem zum ersten Mal an Online-Sportkursen teilgenommen. Und mehr als jeder Sechste (17 Prozent) gibt an, dass er mit Beginn der Pandemie erstmals Online-Seminare zur privaten Weiterbildung besucht hat. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die im April 2020 durchgeführt wurde. „Durch die Corona-Pandemie erleben digitale Lösungen einen enormen Ansturm“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Viele Menschen machen derzeit erstmals Erfahrungen mit Online-Diensten, weil Angebote aus der analogen Welt wegfallen oder nur eingeschränkt nutzbar sind. Das wird das Nutzungsverhalten auch langfristig prägen.“

So verzeichnen auch Videostreaming-Plattformen für Serien und Filme viele Neunutzer. Jeder sechste Onliner (16 Prozent) hat sich seit der Covid-19-Verbreitung neu bei Portalen wie Netflix, Amazon Prime Video oder Joyn angemeldet. Jeder Zehnte (10 Prozent) hat die Corona-Pandemie zum Anlass genommen, erstmals virtuelle Rundgänge durch Museen und Ausstellungen zu machen. Genauso viele (10 Prozent) haben zum ersten Mal Kulturveranstaltungen wie Musikkonzerte und Theateraufführungen gestreamt. Und weitere 7 Prozent haben durch Corona zum Online-Dating gefunden.

Viele Online-Dienste werden intensiver genutzt

Aber nicht nur die erstmalige Nutzung von Online-Angeboten hat sich durch die Covid-19-Pandemie erhöht. Die Mehrheit der Onliner greift auch viel intensiver auf bereits zuvor genutzte Dienste zurück – vor allem beim Musikstreaming. Mehr als jeder zweite Internetnutzer (53 Prozent) hört seitdem vermehrt Musik über Plattformen wie Spotify oder Deezer. Ähnlich viele (49 Prozent) spielen häufiger Online-Games und gut jeder dritte Onliner (37 Prozent) schaut wegen der Corona-Pandemie mehr Serien und Filme per Videostreaming. „Nie waren Online-Dienste so wichtig wie in dieser für die Menschen besonders schwierigen Phase“, so Rohleder. „Wer bereits vor der Pandemie einschlägige Erfahrungen gemacht hatte, ist dort heute noch aktiver unterwegs.“ Fast jeder Fünfte (19 Prozent) schaut nun vermehrt Lernvideos, Online-Seminare zur privaten Weiterbildung werden von 16 Prozent häufiger besucht und 15 Prozent geben dies für Online-Sportkurse an.

Wie digitale Technologien Privatnutzern und Unternehmen helfen können, die aktuelle Situation zu meistern, hat Bitkom in einer Übersicht zusammengestellt. Hilfestellungen, Handreichungen und aktuelle Zahlen und Daten zum Umgang mit Covid-19 sind unter www.bitkom.org/corona verfügbar.

Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Im April 2020 wurden dabei 1.003 Personen in Deutschland ab 16 Jahren telefonisch befragt, darunter 843 Internetnutzer. Die Umfrage ist repräsentativ. Die Fragestellung lautete: „Welche der folgenden Online-Angebote haben Sie nach Ausbruch der Corona-Pandemie zum ersten Mal oder häufiger genutzt?“

Sonntag, 19. April 2020

Corona zeigt Potenziale digitaler Assistenzsysteme für Senioren

Digitale Assistenten fördern Sicherheit und Gesundheit in häuslicher Umgebung


Dr. Bettina Horster
Foto: eco

Aufgrund der Corona-Krise fehlen nach Ostern zwischen 100.000 und 200.000 Pflegekräfte in der häuslichen Betreuung, schätzen Experten. 
„Den drohenden Pflegenotstand können digitale Assistenzsysteme abmildern“, sagt Dr. Bettina Horster, Direktorin der Kompetenzgruppe IoT im eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. 
Die Sprachassistenten können als zusätzliches Kommunikationsmedium dienen oder die Senioren erinnern – etwa an die Einnahme von Medikamenten, den nächsten Arztbesuch oder daran, etwas zu trinken. 
Dehydration ist der häufigste Grund, warum ältere Menschen in die Klinik müssen. Ist eine Übermittlung der Vitaldaten und eine Sturzerkennung integriert, sorgt das zusätzlich für Sicherheit, wenn Pflegefachkräfte fehlen.

Digitale Pflege braucht Sicherheit und Datenschutz

„Digitale Assistenzsysteme können Angehörige und Pfleger entlasten“, sagt Horster. Obwohl die technischen Minimal-Voraussetzungen mit einem Internetanschluss bereits gegeben sind, profitieren Senioren in Deutschland bislang kaum von solchen Assistenzsystemen. „Es fehlt den meisten Menschen noch das Bewusstsein für die Vorteile solcher Angebote“, sagt Horster. „Die Folgen der Corona-Krise könnten hier ein Umdenken bewirken.“
Zudem gebe es noch kaum Anbieter, die die hohen Sicherheits- und Datenschutzanforderungen erfüllen. „Die Nutzer müssen selbstbestimmt entscheiden können, wer die eigenen Vital- und Gesundheitsdaten einsehen kann“, sagt Horster. Die gängigen, von Internetkonzernen betriebenen Smart Home-Angebote erfüllen diese Voraussetzung jedoch leider nicht. Daher entwickelt beispielsweise die Smart City Dortmund mit Smart Care Service eine eigene digitale Pflegeplattform. Daran beteiligen sich zahlreiche Pflege-Dienstleister, die sich auf hohe Sicherheits- und Datenschutzvorgaben verständigt haben.

Zukunft der Pflege ist digital

Nicht nur die aktuelle Krise, auch der demographische Wandel machen solche Systeme zukünftig immer wichtiger, zeigt sich Horster überzeugt: „Wir brauchen eine mutigere Strategie zur Digitalisierung der Pflege.“ Dazu zählen für sie auch finanzielle Unterstützung durch Kommunen und Pflegekassen, denn viele Ältere können sich solche Systeme schlichtweg ohne Hilfe nicht leisten. „Entsprechende Subventionen würden nicht nur mehr Lebensqualität für die Betroffenen schaffen, sie rentieren sich auch, denn 75 Prozent aller Heimbewohner werden durch das Sozialamt unterstützt.“ Die Digitalisierung der Pflege wird so zukünftig ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen und die Kommunen finanziell entlasten.